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Nur selten gibt es Lieder, die Menschen nachhaltig und direkt berühren und zudem auch noch eine gesellschaftliche Diskussion auslösen.
Dieses Kunststück gelang der Band Niemann gleich mit ihrer Debut-Single ”Im Osten”. Innerhalb kurzer Zeit verkaufte die Band von der Single 300.000 Exemplare und erreichte Platz 4 der bundesdeutschen Charts. Die Idee zu dem ironischen und polarisierenden Song über das deutsch-deutsche Verhältnis bekam der Songwriter und Sänger Kai Niemann bereits vor fünf Jahren während seines Zivildienstes in Göttingen. Das Ausmaß des Sensationshits mit seiner polemischen Liebeserklärung an die neuen Bundesländer hatte sowohl die Plattenfirma als auch die Künstler überrascht. "Wir ahnten schon, der Song hat ein gewisses Potenzial, erhielten darauf live auch immer gute Resonanzen. Aber dass das Ost-West-Thema immer noch für die Allgemeinheit so interessant ist, hätte ich nicht gedacht.”
Dass Kai Niemann und seine Bandkollegen neben witzigen Songs durchaus auch tiefsinnige Lieder exzellent beherrschen, beweist nun das Debütalbum ”Die Welt ist ein Irrenhaus”. Niemanns unbefangen offener Charme zeigt sich dort in seinen Texten, in denen er die Facetten und Schattierungen von Gefühlen nachdenklich und humorvoll, sensibel und doch klar beschreibt. Dabei ist dem 28-jährigen Musiker die authentische Vermittlung emotionaler Momentaufnahmen besonders wichtig. Seine Lyrics basieren auf eigenem Erleben, Beobachten und Phantasie. ”Ich möchte bewusst Texte realisieren, die die Menschen nachvollziehen können und die sie im Innern berühren.” Text und Musik entstünden immer zusammen, erklärt der Jurastudent den Entstehungsprozess seiner Kompositionen. ”Meist habe ich zunächst eine Zeile oder gleich den Refrain im Kopf, dann entwickelt sich daraus der Song.”
Die von dem Leipziger Soundtüftler René Möckel produzierten elf eingängigen Songs demonstrieren die große musikalische Bandbreite der Band. Fröhliche Reggae-Musik parodiert Männerphantasien in dem Song ”Besser du wartest”. Der atmosphärische Titelsong ”Die Welt ist ein Irrenhaus” ist eine Midtemponummer, die zunächst mit Ethnosounds beginnt und ein Bild zwischen Einsamkeit, Entfremdung und Freundschaft entwirft. ”Das Fazit dieses Songs ist, wenn man in schwierigen Lebenssituationen nicht wenigstens einen Menschen hat, der einem hilft, dann schafft man es nicht”, erklärt Kai Niemann seine Intention. Der Pop-Rock-Song ”Niemals Fliegen” thematisiert gescheiterte Hoffnungen. Während Folkelemente in ”Kaltes Land” die Grundstimmung erzeugen, bestimmen treibende Heavy-Gitarren den kraftvollen Funk-Rock-Song ”Ich will dein Geld nicht”. Als Bonustrack findet sich ein trippig-schräger Säuferblues mit dem eindeutigen Titel “Trink noch einen”. Und natürlich ist auch der Kulthit ”Im Osten” auf dem Album vertreten.
Die Wahl, als zweite Single eine Doppel-A-Seite zu präsentieren, mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, bei Niemann ist sie jedoch konsequent. ”Auf dem Album gibt es sowohl die nachdenkliche als auch ironische Seite. Mit der Doppel-Single `Die Welt ist ein Irrenhaus´ und `Besser du wartest´ wollten wir beide Seiten repräsentieren.” Auch die Fans von Niemann lieben eben beide Aspekte der Band, vorab entschieden sie sich bei mehreren Wahlen nahezu gleichrangig für beide Titel als Single. Die Nähe zum Publikum ist für Springsteen-Fan Kai Niemann so wichtig wie die Bodenständigkeit eines Künstlers. ”Für mich ist bei der Musik wesentlich, dass man merkt, ein ehrlicher Mensch steht dahinter. Ich mag keine Musik, bei der die Leute sonst nichts anderes mitzuteilen haben außer dass die Musik grooven muss. Es sollte schon eine Art Botschaft und Inhalt dabei sein.”
Angefangen hatte alles 1991 als Schülerband, zu der neben Kai Niemann bereits Gitarrist Maik Eckstein und Keyboarder Björn Kieling zählten. Die jetzige Bandkonstellation existiert seit vier Jahren. ”Uns verbindet unsere Freundschaft - und dies macht es auch einfach, miteinander auszukommen”, meint der Frontmann rückblickend auf den plötzlichen Erfolg und die vielen Termine der letzten Monate. Er selbst sucht in seiner Freizeit im Fitnesstraining einen Ausgleich. Das gemeinsame Engagement und Durchstehen kennt das Sextett aber auch aus der Vergangenheit, in der sie sich für ihre eigene Musik entschieden und nicht den finanziell zunächst sichereren Weg der Covermusik und Tanzveranstaltungen wählten. ”Für mich war es immer ein Traum, mit meiner Leidenschaft, der Musik, eines Tages Erfolg zu haben.” Das Durchhaltevermögen wurde von den Fans mit Begeisterung belohnt. Und so wurde nun doch ein ”Traum” Realität, der nicht irgendwo am Reißbrett geplant wurde, sondern auf der Straße, von Menschen, die sich in Liedern wieder finden, die ehrlich sind und sie bewegen.
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